
Der Wasserstoffmarkt in Deutschland und Europa steht weiter unter Druck. Hohe Kosten, regulatorische Unsicherheiten und verzögerte Investitionsentscheidungen bremsen vielerorts den Hochlauf. Gleichzeitig steigen die technischen Anforderungen: Ungleichmäßige Temperaturverteilungen, lokale Hotspots und unzureichend ausgelegte Kühlkonzepte zählen zu den zentralen technischen Problemstellungen bei Elektrolyseuren und Brennstoffzellensystemen. Sie beeinflussen Wirkungsgrad, Lebensdauer und Betriebssicherheit unmittelbar. Simulation kann hier ein Game Changer sein.
„Thermomanagement ist kein Randthema, sondern zentral für die Leistungsfähigkeit und Robustheit von Wasserstoffsystemen“, so Dipl.-Ing. (TU) Stefan Merkle, Geschäftsführender Gesellschafter der Merkle CAE Solutions GmbH. „Wer thermische Effekte erst im Versuch erkennt, ist meist zu spät. Simulation ermöglicht es, diese Zusammenhänge frühzeitig zu verstehen und gezielt zu gestalten.“
Gerade im Übergang von Pilotanlagen zur industriellen Skalierung steigen die Anforderungen an die Auslegung deutlich. Systeme müssen unter variierenden Lastzuständen zuverlässig funktionieren, während gleichzeitig Effizienz und Kosten im Fokus stehen. Klassische Teststrategien stoßen hier an Grenzen: Viele thermische Effekte entstehen erst im Zusammenspiel von Stack, Medienführung, Kühlkreislauf und Betriebsstrategie. Physische Tests liefern wichtige Validierungsdaten, sind jedoch häufig kostenintensiv und nur eingeschränkt geeignet, komplexe Variantenräume systematisch zu untersuchen.
Simulation schafft hier die notwendige Transparenz. Multiphysics-Ansätze koppeln thermo-fluidische, strukturelle und teilweise auch elektrochemische Effekte und machen kritische Zustände früh sichtbar. So lassen sich beispielsweise in Elektrolyseuren lokale Temperaturgradienten, Strömungsinhomogenitäten oder sicherheitskritische Szenarien – etwa bei Leckagen oder Membranversagen – bereits in der Entwicklung analysieren und bewerten.
Ein zentraler Hebel liegt im systemischen Thermomanagement: Die Kombination aus 1D-Systemsimulation und detaillierter 3D-CFD ermöglicht es, komplette Kühlkreisläufe, Wärmeübertrager und Betriebsstrategien auszulegen. Entwickler können Lastwechsel realitätsnah abbilden, Hotspots vermeiden und die Wechselwirkungen zwischen Komponenten früh verstehen. Das reduziert nicht nur Entwicklungsrisiken, sondern verbessert auch die Zielgerichtetheit späterer Versuchsprogramme.
Vor dem Hintergrund eines wirtschaftlich und regulatorisch anspruchsvollen Marktumfelds gewinnt dieser Ansatz zusätzlich an Bedeutung. Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft erfordert robuste, skalierbare und gleichzeitig kosteneffiziente Systeme. Unternehmen, die thermische Zusammenhänge früh digital absichern, schaffen dafür eine belastbare Grundlage.
Virtuelle Modelle ersetzen reale Tests nicht, sondern machen sie effizienter. Für Entwicklungsabteilungen bedeutet das: Simulation wird zunehmend zum integralen Bestandteil moderner Teststrategien und zu einem entscheidenden Faktor für erfolgreiche Wasserstoffprojekte.


